Management und Meditation

Das Leben im Augenblick

18.05.2008 | Kottmann & Partner


Prof. Dr. Hans Wielens (64), von 1987 bis 2000 Vorstandschef der Deutschen Bank Bauspar AG, hat die Europäische ZEN-Akademie für Führungskräfte gegründet. Im Gespräch erläutert er, warum Manager, die sich in der Kunst des „Nicht-Denkens” üben, kreativer, gelassener und gesünder sind.


Thomas Kottmann: Herr Dr. Wielens, was hat Sie als ehemaliger Vorstandschef der Deutschen Bank Bauspar AG zur ZEN-Meditation geführt?

Prof. Dr. Wielens


Hans Wielens: Ich bin darauf gestoßen über die Beschäftigung mit Hugo Lasalle – ein charismatischer Jesuitenpater, der ZEN nach Europa brachte und christliches ZEN praktizierte. Der ZEN-Weg ist der Weg nach innen, der Weg der gegenstandslosen Meditation, um über das Innere zu spüren, wie man selbst und wie die Welt tickt. Mir hat dieser Weg in einer kritischen Phase geholfen, Leistungskraft und Lebensfreude zu gewinnen.


Thomas Kottmann: Warum sollen sich ausgerechnet Führungskräfte in der Kunst des „Nicht-Denkens” üben?


Hans Wielens: Das Problem bei vielen Führungskräften ist heute, dass ihr Denkapparat sie nicht mehr zur Ruhe kommen lässt. Sie spüren eine große innere Unruhe, fühlen sich in Zwängen, sind gehetzt. Es entstehen Ängste, Selbstzweifel, Konzentrationsschwächen und Schlafstörungen. Manche haben ihren inneren Kompass verloren. Sie tun und sagen Dinge, an die Sie eigentlich gar nicht mehr glauben. Beim ZEN geht es darum, Leere und Intuition in sich einströmen zu lassen. Wenn Sie Angst und Druck verspüren, dann töten Sie Kreativität. Das heißt: Sie spüren nicht mehr, was sich wirklich verändert und ob man auf diese Veränderungen mit anderen Methoden als den althergebrachten reagieren muss.


Thomas Kottmann: Warum kann ZEN gerade für Führungskräfte besonders wichtig sein?


Hans Wielens: Wenn der Mensch nur noch „funktionieren” soll, wird er sich innerlich dagegen wehren. Dann entstehen psychosomatische Erkrankungen, mit denen sich Ärzte so schwer tun und es kommt auch zu Depressionen. Leistungsfähigkeit und Leistungsfreude sind aber etwas Schönes. Sie hängen langfristig davon ab, ob man seine innere Wesensart kennt und zu verwirklichen sucht, ob man mit sich selbst im Reinen ist oder ob man sich maskenhaft verhält nach einem Bild, das man selbst oder die Gesellschaft von einem geschaffen hat. Über die Meditation öffnet man sich gegenüber Veränderungen, wird gelassener, innerlich ruhiger, hört besser zu. Das psychische Gleichgewicht wird gestärkt, Krisen lassen sich besser bewältigen, man wird unabhängiger von Lob und Tadel. So erhöht man seine soziale Kompetenz und damit auch die Führungsfähigkeit. Naturgemäß steigen dann auch die Begeisterung, die Konzentration, die Gestaltungsfreude und die Qualität der eigenen Leistung.


Thomas Kottmann: Die ZEN-Übungen sind jedoch sehr streng und erfordern zunächst eine hohe Selbstdisziplin.


Hans Wielens: Bei ZEN haben Sie völlig recht. Aber es gibt auch andere Meditationsmethoden mit Musik und Bewegungen wie Yoga, Vipassana oder Qi-Gong, die eine positive Wirkung haben. Der ZEN-Weg liegt Managern wahrscheinlich deshalb, weil er so radikal ist. Aber das eigentliche Thema von ZEN ist: Das Leben im Augenblick. Die bewusste Achtsamkeit für sich selbst, für andere und für die Wirklichkeit.


Thomas Kottmann: ZEN bezieht sich auf die Gegenwart. Sollten Manager nicht eher zukunftsorientiert denken und handeln?


Hans Wielens: Wir leben sehr stark in der Zukunft. Viele Unternehmen entwickeln praktisch pausenlos neue Strategien, vergessen dabei aber manchmal, die Probleme der Gegenwart zu lösen. Damit will ich nicht sagen, dass man keine Planungen machen sollte. Aber ich bin zutiefst davon überzeugt: Wer achtsam in der Gegenwart lebt, bekommt durch diese Achtsamkeit so viele Informationen, dass er von der Zukunft nicht überrascht wird. Zukunftsentwicklungen – so kann man feststellen – haben sich immer langfristig angekündigt.


Thomas Kottmann: Glauben Sie, dass Ihr persönlicher Berufsweg anders verlaufen wäre, wenn Sie schon viel früher auf die heutigen ZEN-Erfahrungen hätten zurückgreifen können?


Hans Wielens: Im Prinzip – nein. Aber ich glaube, ich hätte eins sehr früh gelernt: mich immer wieder stärker innerlich zur Ruhe zu bringen. Und das bedeutet eben auch, bewusster darauf zu achten, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen und sich von seinen Emotionen nicht in Besitz nehmen zu lassen. Insbesondere bei Wut und Ärger hat das häufig sehr schlimme Auswirkungen, weil man mit einem Handstreich umschmeißt, wofür man monatelang gearbeitet hat und man zudem die Gefühle anderer Menschen verletzt.

In unübersichtlichen Zeiten ist es das oberste Gebot, Gefühle zu reflektieren und die innere Balance zu finden. Wer seine natürlichen Angstgefühle als Führungskraft in neuen Situationen unterdrückt, neigt zu vorschnellen Entscheidungen und sucht nach bekannten, einfachen Lösungen, die ihm subjektive Sicherheit geben. Gerade in angespannten Situationen ist es aber notwendig, sich bewusst mental zu stabilisieren.

Prof. Dr. Hans Wielens

Thomas Kottmann: Welche Erfahrungen aus dem ZEN möchten Sie jungen Führungskräften weitergeben?


Hans Wielens: Man braucht im Leben innere Sicherheit, Gelassenheit, Lebens- und Gestaltungsfreude. Die Meditation hilft, in sich zu gehen und sich zu fragen: Wer bin ich und was will ich wirklich? Und wenn es einem gelingt, seine innere Wesensart zu erahnen, wird man entsprechend seinen Möglichkeiten seinen spezifischen Beitrag in der Welt erbringen – auf welchem Gebiet und auf welchem Niveau das auch immer geschehen mag. Dann kann man mit sich eins sein und ist auch ungeheuer motiviert, mit aller Energie und Konzentration seine Ziele zu verwirklichen.


Thomas Kottmann: Als wir uns vor einigen Jahren in einem Kloster begegneten, waren Sie gerade dabei, die Europäische ZEN-Akademie zu gründen. Welche Motivation steckte dahinter?


Hans Wielens: Ich habe gesehen, welche große Kraft ich aus der Meditation geschöpft habe und wie schwer es für mich – in einer persönlich schwierigen Phase – war, den richtigen Zugang zu finden. Über die Europäische ZEN-Akademie soll der Zugang zu hervorragenden ZEN-Lehrern erleichtert werden. Zudem setzen wir uns in Vorträgen und Symposien mit der Wirkung der Meditation auseinander.


Kottmann & Partner bietet diese Themen in enger Kooperation mit der Europäischen ZEN-Akademie an und leistet damit einen Beitrag, um die Brücke zwischen Spiritualität und Wirtschaft weiter auszubauen.